Ein Zeitzeugnis muss weichen

Nachdem der Energiekonzern e.on AG (Übernehmer der Schleswag) das gemauerte Transformatorenhaus an der Straße „Schmiedeberg“ in Kisdorf abreißen und durch einen schmucklosen Stromkasten ersetzen ließ, ging damit ein steinernes Zeugnis für Kisdorfer Bürgersinn in den 1920er Jahren endgültig verloren.


Das alte Transformatorenhaus wie es heute an der Straße „Schmiedeberg“ steht Transformatorenkasten an der Straße „Spuntkissen“


Um etwas über die Entstehungsgeschichte dieses kleinen Hauses zu erfahren, muss man in der Chronik der Gemeinde Kisdorf von Ernst Kröger nachlesen, was er in dem Kapitel „Elektrische Energie in Kisdorf“ geschrieben hat. Es ist hier zu lesen, wie Kisdorfs Bürger gemeinsam anpackten, das Problem Stromversorgung zu lösen, und wie sie es schafften, die Kosten dafür niedrig zu halten. Als Zeugnis für diesen hochlöblichen Bürgersinn ist uns dieses Trans-formatorenhaus erhalten geblieben.

Im Laufe der Jahre hat dieses Haus sein Aussehen verändert. In den 1960er Jahren nahm man ihm die schöne „Kirchturmspitze“. Auf dem Foto ist noch der große Metallgittermast zu sehen, an dem die Hoch- spannungsleitung hing, über die das Transformatoren- haus mit Strom versorgt wurde.

Foto rechts: Transformatorenhaus mit „Kirchturmspitze“ an der Straße Schmiedeberg vor 1960, rechts Metallgittermast mit Hoch-spannungsleitung

Wie entwickelte sich nun die elektrische Stromver- sorgung in Kisdorf?


Elektrische Energie in Kisdorf

Während man schon ab etwa 1890 damit begann, in den Städten in Schleswig-Holstein elektrischen Strom zu erzeugen, geschah die Versorgung auf dem Land erst später. Auch die Kisdorfer hatten bis ungefähr 1905 keinen elektrischen Strom in ihrem Dorf und konnten von seinen Vorzügen und An-nehmlichkeiten nicht profitieren. Sie arbeiteten mit Göpel-, Wind- und Wasserantrieb und benutzten als Lichtquellen Petroleumlampen oder Talglichter.

Ein kleines Wirtschaftsunternehmen in Kisdorf - dessen Gebäude heute nicht mehr stehen - die Holzsägerei Hans-Hinrich Biehl mit seinem Sohn Rudolf Biehl in der Straße Etzberg, sorgte für den ersten elektrischen Strom in Kisdorf.

Holzsägerei Rudolf Biehl an der Straße „Etzberg“ um 1910

Die Sägerei hatte einen Dynamo mit einer Batterie angeschafft. Als Antriebskraft für den Dynamo diente einen Dampfmaschine, mit der auch die Kreissägen und das Langholzgatter angetrieben wurden. Die Stromspannungen und die Stromstärken reichten zum Betrieb kleiner Elektromotoren aus. Darum konnte die Sägerei auch ihre Nachbarn über Leitungen mit Strom beliefern.

Huf & Wagenschmiede "mit elektr. Betrieb" Reparaturen von Maschinen und Geräten - Ernst Lücke
Einen Steinwurf vom Trafohaus am Schmiedeberg entfernt - heute das Restaurant Mykonos.

Mit Unterstützung der Gemeinde wurde das Stromnetz allmählich vergrößert, so dass viele Haushalte in der geschlossenen Ortschaft von Kisdorf bereits 1910 mit Strom versorgt werden konnten. Dann kam der 1. Weltkrieg, und für die Rüstungsindustrie musste ein Teil der Kupferleitung abgebaut und abgeliefert werden. Die Kupferleitung wurde durch Eisendraht ersetzt. 1922 war das Stromnetz des Ortes verfallen und die gesamte Stromerzeugungsanlage weitgehend unbrauchbar.


Die Elektrizitätsgenossenschaft in Kisdorf GmbH

Gründungsversammlung am 20.3.1923

Auf Grund dieser Gegebenheiten berief der damalige Gemeindevorsteher (heute Bürgermeister) Wilhelm Kröger eine Versammlung am 20. März 1923 ein, um eine Elektrizitätsgenossenschaft zu gründen. Die Möglichkeit dazu war gegeben, weil die schleswig-holsteinische Stromversorgung mitten durch Kisdorf eine Überlandleitung gebaut hatte, die man für die örtliche Stromversorgung nutzen könnte. Obwohl nur sieben Kisdorfer Bürger zur Versammlung gekommen waren, gründete man dennoch die Elektrizitätsgenossenschaft Kisdorf GmbH. In den Vorstand wählte man Detlef Ahrens, Ernst Dreyer und August Biehl, der auch Geschäftsführer wurde. Mitglieder im Aufsichtsrat wurden Wilhelm Kröger als Vorsitzender, Hinrich Käckmeister und August Olfen. Das Eintrittsgeld betrug im März 1923 500 Mark, einen Monat später, am 10. April 1923, bereits doppelt so viel, nämlich 1000 Mark. Der Vorstand und der Aufsichtsrat bestimmten die Anzahl der Geschäftsanteile jedes Mitgliedes.

Am 3.Mai 1923 wurde die Elektrizitätsgenossenschaft Kisdorf in das Genossenschaftsregister des Amtsgerichtes Bad Bramstedt eingetragen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 88 Genossen beigetreten. Die Anzahl stieg im Laufe der Jahre. Die Zahl der Haushaltungen war erheblich höher.

Es war nicht immer leicht, die Einwohner zum Eintritt in die Genossenschaft zu bewegen, zumal hohe Summen zum Einkauf von Materialien und zum Bau eines Leitungsnetzes und eines Transformatorenhauses aufzubringen waren.


Probleme in der Zeit der Inflation 1923

Wegen des Zeitdruckes aufgrund der Hyperinflation in den Jahren 1922/23, durch die alle Preise in rasendem Tempo anstiegen - eine Folge des 1.Weltkrieges - musste schnell gehandelt werden. Am Beispiel des Butterpreises soll diese fatale Entwicklung verdeutlicht werden. Es kosteten 500g Butter:

am 10. August 1923
840 000 Mark
am 27. August 1923
1 500 000 Mark
am 10. November 1923
480 000 000 Mark

Am 30. August 1924 wurde dann die Reichsmark (RM) als Ersatz für die völlig entwertete Papier-Mark eingeführt – nachdem die Währung bereits vorher am 15. November 1923 durch eine Übergangs-währung (Rentenmark) stabilisiert worden war.


Eigenleistungen der Kisdorfer Bürger beim Bau der Stromleitungen

In dieser turbulenten Zeit kam es also darauf an, Geschäfte möglichst schnell abzuwickeln, um einem Preisverfall zuvorzukommen. Wilhelm Kröger und August Biehl kauften deshalb sofort Material ein. Die ca. 150 Strommasten aus Holz kauften sie vom Staat, und die Kisdorfer Bauern holten sie mit ihren Pferdegespannen unentgeltlich von Bockhorn nach Kisdorf. Andere Genossen gaben den Holzmasten am unteren Teil einen Schutzanstrich und weitere Mitglieder gruben die tiefen Erdlöcher für die Masten.

Die Maurer bauten ebenfalls unentgeltlich das Transformatorenhaus am Schmiedeberg auf Gemeindegrund. Wilhelm Kröger und August Biehl kauften die Kupferleitungen und die Stromzähler, alles noch in der alten Währung „Mark“.

Nach der Ausschreibung hatte Walter Steenbock aus Henstedt den Auftrag bekommen, das Ortsnetz zu installieren. Er legte am 28.5.1923 einen Plan vor. Danach wurden im Dorfkern in folgenden Straßen Stromleitungen gebaut: Sengel, Dorfstraße, Segeberger Straße bis zum Ortsausgang, Lehmkuhlen, An de Loh, Etzberg, Köhlertwiete, Schmiedeberg, Winsener Straße, Karkloh, Alter Schulsteig, westliches Grootredder, Ton Hogenbargen. Landwirtschaftliche Betriebe und Handwerks- und Gewerbebetriebe bekamen außer Lichtstrom - wie die normalen Haushalte - zusätzlich Kraftstrom für ihre Maschinen. Für die Straßenbeleuchtung wurde eine Leitung mit eingebaut.

1929 ersetzten die Genossen die ersten Holzmasten durch ganz imprägnierte Holzmasten und stellten an den Kreuzpunkten Metallgittermasten auf. Die aus reinem Kupfer bestehenden Leitungen ersetzte man durch Leitungen aus einer Kupferlegierung.

Das Ortsnetz wurde im Laufe der Jahre erheblich erweitert. Einen Teil der Kosten mussten die Antragsteller auf Strom übernehmen.


Verkauf der Elektrizitätsgenossenschaft Kisdorf GmbH 1942

Da die nationalsozialistische Regierung die Elektrizitätsgenossenschaften zusammenfassen wollte, kam 1941 der Vorschlag vom Verband Schleswig-Holsteinischer Genossenschaften in Kiel, die Ortsnetze an die Schleswig-Holsteinische Stromversorgung AG zu verkaufen. Dieser Vorschlag war für die meisten in der damaligen Kriegszeit eine Verordnung oder ein Befehl, dem man unverzüglich nachkommen musste. So wurde auf der Mitgliederversammlung am 15. November 1941 die nötige Satzungsänderung vorgenommen, um das Stromnetz zu verkaufen und die Genossenschaft auflösen zu können.

Die Geschäftsanteile wurden mit 13 Reichsmark pro Stück ausbezahlt. Nach Auszahlung der Geschäftsanteile sollte die Gemeinde Kisdorf 1500 RM zum Ausbau von Wasserstellen als Feuerlöschteiche erhalten. 2000 RM wurden für die Wasserleitungsgenossenschaft zur Reparatur der Ortsleitung gegeben. Der Geschäftsführer erhielt 200 RM für die Aufbewahrung der Bücher. Einen Rest von 243,66 RM bekam das Rote Kreuz.

Am 22. April wurde der Kaufvertrag über das Ortsnetz Kisdorf zwischen der Elektrizitäts-genossenschaft Kisdorf und der Schleswig-Holsteinischen Stromversorgung über die Summe von 26.692,10 Reichsmark abgeschlossen. Am 14.12.1942 fand die Schlussversammlung der Elektrizitätsgenossenschaft statt, die Claus Schmoock leitete. 1943 wurde die Genossenschaft im Register des Amtsgerichtes in Bad Bramstedt gelöscht.


Stromverbrauch

Der Stromverbrauch stieg von Beginn an kontinuierlich an,  wie ein Ausschnitt aus dem jährlichen Stromverbrauch zeigt.

Jahr 
Genossen
[Anzahl]
Strombezug
[kwh]
Preis für
Lichtstrom
 Preis für
Kraftstrom
1923 - 1924
88
14 297
0,41 Mark
0,27 Mark
1929 - 1930
91
60 217
0,25 RM
0,20 RM
1934 - 1935
97
77 451
0,10 RM
0,10 RM
1941
150 *
141 488
?
?

* Haushalte

 Für die Schule und die Straßenbeleuchtung lieferte die Genossenschaft den Strom gratis.


Elektrizitätsgenossenschaften im Kisdorfer Wohld und in Kisdorf Feld

Auch in den Ortsteilen Kisdorfer Wohld und Kisdorf Feld hatte man Elektrizitätsgenossenschaften gegründet. Im Wohld belieferte der Besitzer des Waldhofes, Fr. H. Hermann Halbe, der ein Stromaggregat aufgestellt hatte, mehrere Genossen. Beide Genossenschaften wurden auch 1942 von der Schleswig-Holsteinischen Stromversorgung übernommen.


Verfasser: Bernhard Kröger, Marlene Hroch
Fotos: Bernhard Kröger, Archiv des Amtes Kisdorf u.a.
Quellen: Ernst Kröger, Chronik der Gemeinde Kisdorf, 1980, Bd. III a, S. 638 ff
Tagebuch der Elektrizitätsgenossenschaft Kisdorf GmbH von 1933 – 1942,
Archiv des Amtes Kisdorf
Ulrich Lange, Geschichte Schleswig-Holsteins, Neumünster 1996
Stromversorgungsplan für Kisdorf, erstellt am 28.5.1923 von Walter Steenbock, Henstedt, ( von Arnold Pingel aus Kisdorf zur Verfügung gestellt )